Shanghai ... China zu Zweit   2006/2007
Reportage




Datum: 21.3.2007
Shanghai

Eine Millionenstadt auf der Suche nach ihrer Identität?

Ist Shanghai wirklich um so viel besser als all die übrigen Grossstädte in China? Wir haben viele Gesichtspunkte entdeckt, die uns an dieser Vorstellung zweifeln lassen ...


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Kurz vor Jahresende, am 28. Dezember 2006, haben wir uns entschlossen, eines jener unzähligen Billigflugangebote in die Nummer 1 Stadt von China, sprich Shanghai zu nutzen.

Mit China-Airlines und einem Standardpaket für die Verpflegung verliessen wir Beijing in Richtung Shanghai. Nebst der Variante Flug existiert natürlich auch die von vielen Chinesen bevorzugte Bahnreise. Doch 14 - 17 Stunden Zugfahrt sind nun einfach zu viel Reisezeit für ein verlängertes Wochenende.

Wer in Shanghai am Flughafen ankommt, wird erstaunt feststellen, dass man in der scheinbar endlosen Warteschlange erstmals mindestens eine Stunde Wartezeit geniessen kann. Eine Weltstadt, die nicht in der Lage ist, einigen hundert Passagieren innert nützlicher Frist eine Fahrt per Taxi zu ermöglichen!?
Wie es sich für eine Weltstadt während der Weihnachtszeit gehört, erstrahlen, ganz im "Western-Stil", die grossen Einkaufsstrassen und die renomierten Hotelhallen im Weihnachtsglanz. Viel Kitsch und wenig Stil prägen die dekorierten Orte. Wichtig, man zeigt, dass dieser Anlass auch in China kommerziell genutzt wird. Eine wirkliche Beziehung zu den Ursprüngen dieser Festtage besteht jedoch überhaupt nicht. Und so ist es auch nicht weiter erstaunlich, dass selbst am 5. Januar in den Shoppingcentern noch immer die Weihnachtslieder laut und immer in der gleichen Reihenfolge gespielt wurden!

Wir hatten Glück, dass wir zumindest am ersten Tag in Shanghai mit blauem Himmel und Sonnenschein jedoch zusätzlich mit einem bissigen Wind als Wegbegleiter belohnt wurden. Shanghai eine Stadt mit vielen Facetten waren denn auch unsere ersten Eindrücke. Im Gegensatz zu Beijing befinden sich hier Wolkenkratzer, Büro- und Shoppingkomplexe in einem ständigen Konkurrenzkampf zu den bestehenden alten Siedlungen. Dieser ungleiche Kampf wird jedoch immer zu Gunsten eines neuen Wolkenkratzers entschieden. Und so sind in Shanghai die berühmten Einkaufsstrassen umsäumt von den kleinen Quartierstrassen, die so gar nicht zum Weltbild dieser Stadt passen. Der Ausspruch "Mehr Schein als Sein" begleitet einem laufend bei der Besichtigung dieser Stadt. Schade auch, dass trotz monumentaler Bauten kein harmonisches Stadtbild entsteht. Jedes Gebäude versucht die umliegenden Gebäude durch irgendeine bauliche Massnahme auszustechen.
Wer nun meint, dass man in Shanghai "gross" shoppen gehen kann, wird sehr enttäuscht sein. Nicht nur, dass es kaum "grosse" Grössen gibt. Und ich meine nicht nur Schuhgrösse >45, Männerkleider >XL (das chinesische XL entspricht einem kleinen L) oder Frauenkleider mit westlichen Körpermassen, nein auch die sogenannte Fashion lässt doch gar zu wünschen übrig. In der wohl populärsten Einkaufsstrasse Nanjing Lu werden Kleider angeboten, die es bei uns nicht einmal mehr in die Brockenstuben-Auslagen schaffen werden.

Auch die kulinarische Seite zeigt hier keine wesentlichen Unterschiede. Einzig die grossaufgemachten Poster lassen erahnen, welche Menus hier ganz beliebt sind ...
Das Leben in und auf den Strassen lässt jedoch nichts von einer berühmten Grossstadt aufblitzen. Zum Beispiel; die lokale Reparaturwerkstätte für Roller hat weder im Laden (3x3Meter) noch auf dem Troittoir Platz, daher werden die Reparaturen direkt auf der Strasse durchgeführt.
Interessant war die Bootsfahrt auf dem Huangpu Fluss. Zum Glück dauerte diese Fahrt nur gerade 90 Minuten, wir wären sonst wohl eingeschlafen. Der Blick auf Pudong, dem neuen Viertel von Shanghai zeigt nebst dem berühmten Fernsehturm, einen Wolkenkratzer nebst einem anderen, mehrheitlich gar im Akkord aufgestellt.

Es gibt aber auch spezielle Ansichten, denn eine kleine Ausnahme bildet da sicher die Promenade Bund. Noch immer stehen die alten Häuser aus den 20er Jahren prunkvoll mit Sicht auf den Huangpu Fluss, noch immer kreuzen tagtäglich viele hundert Schiffe deren Ausblick auf den Fluss. Aber leider hat sich der Verkehr auf den viel zu engen Strassen bis zum Kollaps vergrössert. Selbst jene Strassen, die mit Brücken zur Verdopplung der Kapazität überdeckt sind, bieten längst keine richtige Alternative mehr. Und so bleibt einem nichts anderes übrig, als möglichst bald in eine jener kleinen Nebenstrassen einzutauchen, wo das Leben noch Platz gefunden hat.
Der nächtliche Blick vom Fernsehturm zeigt den erleuchteten Bund, das Wahrzeichen von Shanghai und gleichzeitig auch das Stadtzentrum, welches bereits im Dunkeln liegt! Einzig die grossen Einkaufsstrassen sind durch ihre Verkaufsläden grell erleuchtet.

Die kleinen Quartierstrassen stehen dabei völlig abseits. Es gibt kaum Licht, welches diese Strassen aus ihrem dunklen Dasein erlöst. Doch wer sich in diese Strassen begibt, der wird auch das vielfältige Leben von Shanghai kennen lernen. Wobei wir beide bezweifeln, ob die Stadtbehörden dies überhaupt möchten. Die vielen kleinen Restaurants mit ihren Strassenküchen, "Shanghai stuehlt uuse" kommt einem da unweigerlich in den Sinn. Schade nur, dass man dabei kaum sein Essen auf dem kleinen Tisch sehen kann.

Viele der Querstrassen beherbergen auch die wunderbaren Marktstände von Shanghai. Hier taucht man tief in die chinesische Kultur ab und kann das Leben so richtig geniessen. Die Menschen sind überaus freundlich, sind interessiert nicht nur "Umsatz" zu machen, sondern auch über ihre Produkte und ihre Arbeit zu reden. Schliesslich ist der Tag lang und wer weiss schon, was morgen ist!

Auf dem Heimweg wurden wir von einem Billetverkäufer zum Kauf zweier Tickets "überredet". Wir haben noch nicht einmal verstanden, was den nun vorgeführt wurde, doch der Preis (weit weniger als die Hälfte) und die Tatsache, dass es in wenigen Minuten beginnen würde, hat uns ins Innere der Shanghai Opera geführt.

Erstaunt waren wir über den Anblick eines westlichen Konzertensembles, dass anschliessend eine Kopie des berühmten Neujahrskonzertes spielte. Doch auch hier gilt wie in vielen chinesischen Städten, wichtig ist es, gesehen zu werden, oder zumindest ein Foto aus dem Konzertsaal gemacht zu haben, als wirklich dem ausgezeichnet spielenden Orchester zuzuhören. Daher war es auch nicht sehr verwunderlich, dass nebst Handyspielen, Playstation und sonstigen Spielkonsolen auch Schlafen als geeignetes Mittel zum Zeitvertrieb eingesetzt wurden.

Der krönende Abschluss, bildetete jedoch das Verhalten des Publikums. Der Dirigent hatte noch nicht einmal seinen Podestplatz verlassen, um dem Publikum die Möglichkeit des Applauses zu geben, da war die Hälfte des Saales bereits leer. Die übrige Hälfte der Konzertbesucher, vor allem "Westliche Bürger" mussten sich daher doppelt anstrengen, um nochmals in den Genuss einer, später sogar einer zweiten Zugabe zu gelangen....

Wir haben uns für den Jahreswechsel einiges vorgenommen. Erst gut Essen gehen, Besuch einer Bar und anschliessend Genuss des Nachtlebens von Shanghai. Mit dem Essen hat es angefangen. Wer hätte gedacht, dass derart viele Chinesen den westlichen Jahreswechsel ebenso zum Ausgehen nutzen werden, wie die vielen tausend Ausländer. Nach langem Hin- und Her haben wir einen kleinen Nottisch gefunden und das Essen bestellt. Alles war ein wenig anders, als ich es eigentlich bestellt hatte. Gut war es jedoch ...

Nach dem Essen besuchten wir die als Nummer 1 geltende "Bar Rouge". Diese liegt am Bund 18 und bietet seinen Besuchern von der Dachterasse einen sagenhaften Blick in Richtung nächtliches Pudong und Huangpu Fluss. Ein Blick im örtlichen Museum zeigt, dass sich die Fasade seit den 20er Jahren kaum verändert hat.

10 Minuten vor Jahreswechsel ein erstes kleines Feuerwerk, schliesslich über den Lautsprecher stilgerecht die letzten Sekunden und gespannte Gesichter in die Nacht ....

Doch auch nach weiteren, beinahe endlosen 5 Minuten bleibt der Himmel dunkel, kein Feuerwerk, keine Knaller, nichts. Es bleiben die fröhlichen Gesichter, die klirrende Kälte und viele gute Vorsätze und Versprechen für das Neue Jahr.
Später ziehen wir durch die Strassen von Shanghai. Viele tausend Menschen sind unterwegs, tragen kleine rote Teufelsohren auf dem Kopf und sind weder richtig fröhlich noch speziell guter Laune. Man würde beinahe meinen "Business as usual" oder einfach nur "Neues Jahr" !
Ausserhalb von Shanghai existieren, ähnlich zur Chinesischen Mauer rund um Beijing, sogenannte Wasserstädte (Watertown). Wir haben die wohl berühmteste oder besser gesagt eher bekannteste dieser Attraktionen in ZhouZhuang besucht. Diese Stadt auch als Venedig von China bezeichnet, ist berühmt für ihre unzähligen kleinen Brücken. Jede Brücke besitzt eine mehrere hundert Jahre lange Geschichte und die seltsamsten Gegebenheiten.

Wie es sich für eine richtige Wasserstadt gehört, hat es an jenem Tag nur gerade einmal geregnet. Einzig die Intensität war unterschiedlich!

Viel gibt es eigentlich nicht zu erzählen, denn man kommt sich wie in Disneyland vor, nur dass hier überall Verkaufsläden sind, deren Verkäuferinnen und Verkäufer einem mit dem Ausspruch "Hello, come look look" versuchen in den Bann ihrer Produkte zu ziehen. Während es draussen in ZhouZhuang regnet ist man froh, in die einzelnen Gebäude hineingehen zu können.
Im Inneren von ZhouZhuang wird man von der Einfachheit der Einrichtungen überrascht sein. Auch der Mangel jeglicher Heizungssysteme wird einem schnell auffallen. Vor allem als wir es besucht haben, denn nebst Regen war es erst noch empfindlich kalt. Einige der Häuser wurden auch von lokalen Frauen, quasi als Statisten "betrieben". Das lokale Handwerk im Massstab 1:1!

Wer jedoch dieses kleine Musterdorf am Ende der offiziellen Besichtigungsstrasse verlässt, wird schnell den Unterschied zwischen Touristenattraktion und Normaliät entdecken. Und dieser Unterschied ist beachtlich.
Ähnlich einer Werbefahrt führt die Rückreise nicht direkt nach Shanghai zum Hotel, sondern zuerst zu einem lokalen Seidenverarbeitungsunternehmen. Ein interessanter Blick hinter die Kulissen zur Herstellung von Seide, eine kleine Modenschau, kurze Verkaufsgesprächsbemühungen, einige Fotos und weiter geht es schliesslich zurück nach Shanghai.
Keine chinesische Grossstadt ohne ihre Tempelanlagen. Viele grössere und kleinere Tempelanlagen befinden sich im Zentrum von Shanghai resp. in den umliegenden Regionen. Buddhismus und Taoismus, zwei Religionen oder besser gesagt Glaubensrichtungen, die eine völlig andere Welt des Glaubens eröffnen. Die Menschen besuchen diese Tempelanlagen, halten inne, danken für das Glück oder sprechen ihre Wünsche aus. Alles findet, trotz unzähliger Menschen, völlig einfach und schlicht statt. Bewunderswert sind eigentlich nur die unterschiedlichen Ansichten, die die damaligen Menschen hatten, so der Wunsch nach Harmonie und Ausgeglichenheit bei der Konstruktion
Die Menschen in Shanghai, sind jedoch mehr oder weniger typische Chinesen, sofern diese Aussage überhaupt getroffen werden kann. Jugendliche geniessen es, mit einer Perücke auf dem Kopf vor grünem Hintergrund zu posieren und so die aktuellen chinesischen Popstars zu imitieren.

Wo immer es etwas zu betrachten gibt, werden Bilder als Andenken gemacht. Und all die übrigen Menschen, sie arbeiten den ganzen Tag, einige davon eher akrobatisch und gefährlich, andere geniessen es einfach, Interesse zu zeigen.
Shanghai, wir sind der Meinung, nicht das goldene Ei von China gefunden zu haben. Ganz im Gegenteil, wir haben uns richig gefreut, wieder zurück nach Beijing fliegen zu können. Ganz bestimmt nicht, weil es in Shanghai keine richtigen Heizungen gibt, oder es während der ganzen Woche geregnet hat, auch nicht, weil diese Stadt gross ist, nein vermutlich einfach, weil dieser Stadt eine wirkliche Identität fehlt.

Kein Charme, kein Witz, nur einfach gross genügt eben nicht, um interessant zu sein!

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